Mit Quiltern im Schnee

Warum man im Schnee immer eine Quilterin dabei haben sollte

Ich schreib’ mal was von unserer Rückfahrt vom Skiurlaub mit unseren Freunden in den Blue Mountains, Ontario, Kanada, nach Ann Arbor.

Traumwetter, tiefblauer Himmel, Sonne, unglaublich weiß alles. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass wir der Navi-Tante nicht so genau zugehört haben und dadurch von der Hauptstraße abgekommen sind. In der Folge reisten wir viele Kilometer (in Kanada gibt es Kilometer, nicht Meilen wie hier :o)!) durch tierverschneite Landschaften, die Straßen unter einer dicken, geschlossenen Schneedecke versteckt. Wir konnten uns kaum sattsehen. Nach energischer Suche fand ich dann mit Hilfe meines Handys einen Quiltladen gleich in der Nähe unserer Route. Also schnell gedreht, noch mal einen Blick auf’s Handy, wo der Laden genau zu finden ist und ab … in den Tiefschnee. Neben der Straße war ein Graben, den man aber durch den Schnee nicht erkennen konnte. Da half auch kein Allrad mehr, das Auto saß auf und rutschte nur noch tiefer ab. Aussteigen ging nur noch „oben“, also alle raus und schieben. Kaum waren wir alle draußen, hielt das erste Auto hält an (besonders gut, denn so viele Autos kommen da nicht vorbei).

Festgefahren

…und schwups- nichts ging mehr. Sieht gar nicht so schlimm aus, oder?

Canadians rock!

Profis am Werk

Ein dicker Pickup, dessen freundlicher Fahrer sofort mit schob und zog. Allerdings ohne jeden Erfolg. Die Kinder hatten sich mittlerweile in einen Quilt (tätääää!) gewickelt, gute Idee bei 11 Grad unter Null. Schwupps, der zweite Pickup hielt auch an. Und dessen Fahrer hatte ein Seil dabei. Brandneu, noch mit einem Kabelbinder gesichert. Schere? Hatte keiner da. Aber nicht verzagen, Quilter fragen! Ich hatte natürlich meine Hexi-Handnähsachen dabei, und die gute Stoffschere (naja, nicht die GANZ gute Gingher aus Deinem Laden, Dorthe, weiteratmen :o)!!!) hat dann den Kabelbinder kleingekriegt.

Kluge Kinder!

Ein Quilt für alle Fälle!

 

Mit dem Seil um die Hinterachse, einigen kraftvollen Anläufen des Pickups auf ziemlich glatter Fahrbahn und vereinten Schiebekräften bewegte sich das Auto dann endlich wieder aus dem Schneehaufen heraus. Yay! Canadians rock!

Und dann ging es doch noch zu Shoreline Quilts in Port Elgin.

Quillt Shoppe Shoreline Quilts in Port Elgin, Lake Huron, Ontario, CA

Quillt Shoppe Shoreline Quilts in Port Elgin, Lake Huron, Ontario, CA

Sehr netter Laden, und eine noch viel nettere Ladnerin zum Quatschen. Sie hat mir erzählt, dass am gleichen Morgen die Straßen, die wir so sehr genossen haben, noch unpassierbar waren. Viel Neuschnee, der durch die Kälte fest überfror, dazu eisiger Wind, der vom Lake Huron hochjagt. Er treibt den Schnee mit Kraft über die Landschaft und sorgt für beeindruckend hohe Schneeverwehungen, das macht Autofahren dann schlicht unmöglich. Ein paar Tage zuvor, als wir nur wenig entfernt fröhlich die Pisten hinuntersausten, waren die Straßen anderthalb Tage lang unpassierbar. Schon beeindruckend. Sie erzählte, dass es es häufig so ist, dass in der ersten Januarwoche wenig geht. Wenn die Schule früh im Januar anfängt, kann man sich darauf einstellen, dass die erste Woche sowieso noch frei ist: Snowdays, die wir auch aus Michigan kennen und unsere Kinder sehr lieben. Berufstätige Eltern weniger.

Als ich nach einer Weile den Laden verließ, war die Sonne weg. Es hatte angefangen zu schneien. Mehr und mehr, nochmal schnell tanken und auf ins Abenteuer. Nach wenigen Minuten war das Fahren eine echte Herausforderung, Whiteout: keine Sicht, alles weiß. Aber wir hatten wieder Glück, nach einer knappen halben Stunde hatte das Wetter genug von der Angeberei und es hörte unvermittelt wieder auf zu schneien. So konnten wir bei langweiligem Rheinland-Wetter entspannt nach Hause fahren.

Unterwegs haben wir dann noch den Rat unserer Freundin Renee befolgt: Wir waren im Black Dog in Bayfield, Ontario, essen. Ein gemütlicher Irish Pub mit einer umwerfenden Karte, nach dem Motto „denk global – iss lokal“.

Black Dog Village Pub & Bistro, Bayfield, Ontario

Black Dog Village Pub & Bistro, Bayfield

 

Unbedingtes Muss war für uns (mal wieder) die kanadische Nationalspeise Poutine: Pommes mit Käse und Bratensauce, das klingt komisch, ist aber lecker. Es gibt Poutine-Buden, die die unzählige Varianten anbieten, mit Pulled Pork, Hühnchen, Gemüse. Varianten mögen die Kanadier scheinbar sowieso, die Chips-Geschmäcker-Auswahl im Supermarkt ist museumsreif: Ketchup, Bratensauce, Hühnchen, Poutine, saure Gurken.

 

Mac & Cheese und Poutine

Yummy – links oben Mac&Cheese, rechts Poutine

Kurioserweise haben wir hier auch das beste Mac&Cheese bekommen. Das ist irgendwie das amerikanische Nationalgericht, kleine Makkaroni-Nudeln, ertränkt in mehr oder weniger künstlicher Käsesauce, sozusagen das amerikanische Pendant zu Miracoli. Es gibt sie in ungefähr zehn Millionen Sorten in Paketen zu kaufen, mit extra Käse, cremigem Käse, ganz cremigem Käse, noch mehr Käse, leichtem Käse….. Diese hier waren so lecker, dass ich zum allerersten Mal seit wir hier sind, den Hype um Mac&Cheese verstanden habe – zum Reinsetzen.

Es gab noch eine köstliche Tagessuppe mit Kürbis und Mais, hervorragende Sandwiches und Burger und ein Kind hatte ein himmlisches vegetarisches indisches Curry.

Black Dogs

Black Dogs, jede Menge!!!

Die Karte folgt also dem globalen Denken, ein buntes Durcheinander, aber wider Erwarten alles wunderbar. Hier kocht jemand, der richtig gerne kocht, ausprobiert und sich einfach nicht auf eine Küchenregion beschränken möchte. Solltest Du also zufällig am Lake Huron in Ontario vorbeikommen, südlich von Goderich findest Du dieses empfehlenswerte Restaurant. Danke, Renee!!!

 

 

Election!?

Nach den Wahlen hier (ja, ich hatte eine schlaflose Nacht vor dem Fernseher), fragen mich viele FreundInnen aus Good Old Germany, wie es uns jetzt hier geht. Normalerweise werde ich HIER nicht politisch (sonst schon), aber was ist denn hier gerade noch normal?

Mittlerweile habe ich mich beruhigt und warte einfach den Tag des Impeachment-Verfahrens ab. Vorher möchte ich Dir aber zeigen, dass wir hier in Ann Arbor ein bisschen wie auf der Insel der Glückseligen leben. Die beiden folgenden Texte haben die Schulleiterin der Grundschule (Lakewood) sowie die Schul-Superintendentin von Ann Arbor per Email an die Schulverteiler geschickt. Sie sagen so viel über das Klima hier. Wenn Du Hilfe beim Übersetzen brauchst, melde Dich!

Und schau Dir das Youtube-Video an, der Kinderpräsident ist der Knaller!

 

Happy Friday, Lakewood Families!

It has been an emotional week as the news of the national election has swept over our community.  This morning at our weekly community meeting, I felt the need to address our student body about our values of inclusivity and respect that are the building blocks of our community.  I have heard only a few older students repeat things that adults may have said in person or on the television.  All of these remarks from the students lacked understanding and true malice.  Students were repeating things that they heard but not necessarily true.  I stressed with the students that they ALL belong to Lakewood.  All of the students are valued members of our community.  Lakewood is an inclusive community that welcomes all persons from different language groups, religions, racial, and ethnic backgrounds.  Overall, we love our students and appreciate the support of our families.  We are here to teach and protect our students.  Lakewood strives to be a kind, respectful, responsible, and SAFE environment for all students.  I directed students to talk about their issues concerning the election and the hate speech that has been discussed on the television with you the parents instead of discussing it with their peers.  The teachers and I plan to support and encourage calmness and a feeling of safety throughout their day.  Again, all Lakewood students belong here!

Here are some resources that may help you talk with your child about how they are feeling and any of their anxieties.

Here’s the Kid President video on disagreement that you can view online with your child/family.

https://www.youtube.com/watch?v=ghk-nDJB3Tk

Here are some other articles that may help:

http://parents-together.org/talking-kid-presidential-election/

http://www.today.com/parents/how-talk-your-kids-about-election-results-t104827

I hope this information helps as we continue through this tumultuous time.

M. Seals

 

Und das hat die Superintendentin, die für die öffentlichen Schulen in Ann Arbor (=AAPS) zuständig ist, an alle geschickt:

 

Dear AAPS Students, Staff, Parents, and Community,

I want to reach out today as we are all processing the results of our national elections and begin to consider how we will best move forward together.

We want to assure you that over the coming days we will be particularly sensitive to our students and their perceptions of yesterday’s election and the campaign leading up to it.

As you can imagine, many of our students have heard things that make them feel unwelcome or uncomfortable during this long and arduous campaign. Students and adults alike may also have missed sleep or been adversely impacted by the rhetoric surrounding them.

So as a school team, we are considering today our role as public schools in serving our students, and our next steps in the process of moving forward.

We remain firmly committed to the following:

We will continue reassuring our students and staff that our core values in the AAPS remain the same. Every student and family and every member of our community is valued and welcome. We will continue to work toward peaceful resolution of conflict and against bullying as we continue to approach problem-solving with kindness and fair play in all or our interactions.

As a school district, it is our job to ensure that our students become strong citizens. We will continue to model, teach, and reinforce critical thinking and appropriate conflict resolution skills as well as how to disagree respectfully. We expect that critical conversations will be ongoing in classrooms, around dinner tables and across our community as we move forward from today.

In the AAPS, our commitment is to move forward together in our classrooms and schools, in our District and across our community while remaining true to our core values of openness, inclusivity, respect for diversity and caring for which our Ann Arbor community is known.

Sincerely,

Jeanice Swift

 

Kindergeburtstag

13. Geburtstag

Oft sind meine Mitmenschen hier atemberaubend spontan und brauchen für einiges viel weniger Vorlaufzeit. Und dann bestätigen die Ausnahmen die Regel: Die erste Einladung zu einer Kindergeburtstagsfeier für die Kleinste kam am 8. März. Ich habe mich erst einmal erschrocken, weil ich nur das Datum „7.“ sah und dachte, dass die Einladung vielleicht eine Weile im Schulranzen gewohnt hat und die Party schon vorbei ist. Aber beim genaueren Hinsehen sah ich den Monat: Mai! Zwei Monate im Voraus einzuladen ist ja selbst für Deutsche eine Leistung. Der Geburtstag war dann auch ziemlich besonders. Jeder kam, wann er wollte. Gefeiert wurde in einer Art sehr großem Grillpavillon mit einer Kinderclownin, die einen halben Zoo in ihrem SUV mitbrachte: Zwei Schildkröten, einen Hund, zwei Ziegen, Gänse, vier Hühner, Meerschweinchen, Mäuse, ein Frettchen, zwei Hasen – ich habe bestimmt noch wen übersehen… wow. Die Kinder durften die Tiere füttern, herumschleppen und besinnungslos kuscheln. Dann wurden alle Kinder geschminkt, bekamen Luftballon-Kunstwerke gebastelt, Pizza, Eis und kunstvoll-quietschbunt dekorierte Sahnetorten nicht zu vergessen, und nach zwei Stunden (das ist der Standard hier, alle Parties dauern zwei Stunden, auch das Schulsommerfest und die ganzen anderen Feste in den Schulen sind kurz und knackig…) war der ganze Zauber vorüber.  Zu meinem größten Erstaunen waren Omas, Opas, Uromas, Tanten, Onkel, Cousins zugegen, aber nur drei andere Kinder eingeladen!?

Das war der erste Kindergeburtstag, und ich war nicht übel beeindruckt – und eingeschüchtert. Aber nicht alle Kindergeburtstage sind hier so aufwendig, von der Wasser-Plantsch-Gartenparty über Indoorspielplatz, (extrem kurzfristige) Einladung ins Theater bis hin zu Bowling mit Spielhallenbesuch ist alles möglich. Auch hier kann man online suchen, es gibt unzählige Angebote, die meisten irre teuer.

Unseren ersten 13. Geburtstag im Mai haben wir mit Versteckspielen im Garten (das war die Idee der Kinder!!!), Blind-Schmink-Challenge, Sofa-Kino-Abend und Sleepover gefeiert. Abgesehen davon, dass alle Muskelkater vom vielen Kichern hatten, waren alle superselig und hatten eine richtig tolle Party.

 

 

 

Mal sehen, Ende Oktober steht die nächste Feier an, 8. Geburtstag, wieder zuhause, diesmal gibt’s Kürbis-Schnitzen und Gruseln.

Ohne Cupcakes und viel Kuchen geht es auch hier nicht!

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Spannend finde ich, dass Geschenke im Wert von rund 20 Euro erwartet werden, für Kinder, wohlgemerkt. Dafür gibt es in den Geschäften sogenannte „gift receipts“,  also einen besonderen Kassenbon für Geschenke, auf dem der Preis nicht aufgedruckt ist und mit dem der oder die Beschenkte dann ein unpassendes, doppeltes, doofes… Geschenk wieder umtauschen kann.

Geschenke werden sehr oft nicht wie bei uns in Papier eingepackt, sondern nur in eine schöne Papiertüte gesteckt und mit Seidenpapier versteckt. Das ist ultrapraktisch, weil es wirklich mehr hermacht, aber nur 5 Sekunden dauert.

 

Schule oder Party! Party! Party!

 

Die Schulen (immer mit dem Zusatz: „in Ann Arbor“, denn ich bin mir bewusst, dass das, was wir hier erleben und genießen dürfen, nicht selbstverständlich ist!) geben sich Mühe, den Kindern das Leben angenehm zu gestalten. Nicht, dass hier nicht auch gelernt würde, es gibt Tests und Noten und alle Nöte, die es anderswo auch gibt. Aber man ist hier der Ansicht, dass das alles auch (wenn nicht sogar: nur) mit einer Portion Spaß geht. Freitags ist häufig „Spiritday“. Das bedeutet: „Zieh dich wie ein Lehrer an“, „Komm wie ein Grundschulkind“, „Hawaiihemd-Tag“, „Lieblingssportklubtag“… in der Middle School, oder „Schnurrbarttag“, „Crazy Hair day“, „Pyjamatag“… in der Grundschule. Jeden letzten Freitag im Monat ist Popcorn-Freitag: Donnerstags bringen die Kinder 25 Ct mit, und freitags bekommen sie dann eine kleine Tüte frisch gemachtes Popcorn. Die Kinder lieben das, als gäbe es sonst kein Popcorn zu kaufen. Eine Kleinigkeit mit großer Wirkung.

Aus dem Feiern kommt man in unserer Grundschule sowieso nicht heraus: Internationale Nacht, Kunst-Ausstellung, gigantisches Sommerfest, Musical-Aufführungen… Und merkwürdigerweise artet das gar nicht in Stress aus. Ich glaube, das liegt an der hervorragenden Organisation und an der sehr klaren zeitlichen Begrenzung. In der Regel dauern Veranstaltungen (und dazu gehören auch Kindergeburtstage) zwei Stunden. Wer wann wo mithilft, wird über SignupGenius im Internet geregelt. Man sieht, was wann zu tun oder mitzubringen ist und kann sich ganz einfach eintragen. Das funktioniert, alle packen an.

Also: Das wirklich umwerfende Summer Celebration Fest ging von 18 bis 20 Uhr. Zwei große Hüpfburgen bzw. -rutschen, Hotdog-Stand, Pizza (die praktischerweise gleich von der lokalen Pizzeria in Kartons geliefert wird, so dass man eine ganze Pizza zum Mitnehmen oder nur ein Stück zum Sofortessen kaufen kann), Wahnsinns-Lotterie mit unglaublichen Preisen wie Fahrrädern, Mini-iPads, Geschenkekörben, Eisstand, eisgekühlte Getränke, Haare färben, Schminkstand, unzählige Spielstationen. Es gibt so viel zu tun: Tore schießen, nasse Schwämme werfen (auf die Gesichter derjenigen, die ihre Köpfe todesmutig durch die Torwand stecken, ein Riesenspaß), Schatzsuche im Sand, Gläser mit Regenbogensand befüllen, Klopapierrollenweitwurf (politisch völlig unkorrekt, aber auch ein Monsterspaß)… Für den „Cakewalk“ wird auf dem Schulhof ein großer Kuchen mit nummerierten Kuchenstücken aufgemalt. Die Teilnehmer laufen zur Musik im Kreis. Wenn die Musik stoppt, wird eine Zahl gezogen und der Mensch, der gerade auf dem entsprechenden Kuchenstück steht, darf sich einen Kuchen von dem reichhaltigen Buffet aussuchen. Ist das Buffet leer, ist das Spiel eben zu Ende. Oder „Popbottle ring toss“: Kinder werfen Ringe um große Limoflaschen (mit zwei Schwierigkeitsgraden für große und kleine Kinder), wer trifft, darf die Flasche behalten. Ich habe ein Mädchen weinen sehen, weil irgendwann die Flaschen alle waren und sie noch nicht mitgespielt hatte… So einfach, und so viel Spaß. Ein nicht eben günstiger Spaß, das man man erwähnen: Man braucht für alle Spiele und natürlich das Essen reichlich Bons à 50 Cent. Das läppert sich dann ganz schön. Aber das ist hier die Art, die Schule mitzufinanzieren. Ich schreibe von einer Grundschule, in der es selbstverständlich ist, dass es unendlich viele iPads für die Kinder gibt und sich die Schulleiterin dafür entschuldigt, dass die iMacs im Computerraum schon zwei Jahre alt sind.

Auch bei der Kunstausstellung geht es ans Ersparte: Die Schule hat sich in eine Galerie verwandelt. Die Gänge hängen voller Bilder, denn von jedem Kind ist ein Bild ordentlich gerahmt und aufgegangen worden. Es gibt Kuchen und Fingerfood, alle Klassen singen 2 Lieder im Mehrzweckraum, man trifft sich, quatscht, flaniert durch die Gänge und bewundert die Kunstwerke. Das Bild des eigenen Kindes bekommt man dann später nach Hause. Man kann es aber auch sofort kaufen: Inklusive Rahmen 25 Dollar, viel Geld, das aber scheinbar die meisten sehr gerne ausgeben bzw. spenden. Und die Kinder strahlen vor Stolz.

Auch die Internationale Nacht war ein beeindruckendes Erlebnis: Die Schule hatte sich in eine Art EXPO verwandelt: In der ganzen Schule verteilt waren Stände und Buden aufgebaut, in denen Familien die unterschiedlichsten Länder vorstellten: Brasilien, Mikronesien (musste ich erst mal googeln, um mich nicht zu blamieren), Kanada, Indien, Iran, Pakistan, Japan, China, Kolumbien, Mexiko, Italien, Polen, besonders nett: Palästina gleich neben Israel, natürlich Deutschland… ich weiß sie nicht mehr alle, es waren so viele. Man konnte entweder sein Herkunftsland vorstellen (bzw. das seiner Vorfahren) oder einfach ein Land, das man kennt und mag. Alle haben landestypisches Essen mitgebracht (wir waren ein sehr beliebter Stand, das lag wahrscheinlich an den Gummibärchen), Bücher, Spielsachen, trugen teilweise Landestracht, die Mexikaner hatten eine gigantische Großfamilie und ein coole Band dabei, die Iren haben für uns getanzt, bei den Japanern konnte man Origami lernen, bei den Chinesen kalligraphieren, … was für ein rauschendes Gänsehaut-Fest. So bunt und spannend. Und das Beste:  Auch das kommt nächstes Jahr wieder. Wir sind schon für unseren Stand verabredet, denn die Familie, mit der wir Team Germany waren, hat zur Hälfte deutsche und zur Hälfte französische Wurzeln… :o)

Als ich unsere Schulleiterin darauf ansprach, dass ich es toll finde, dass so viel gefeiert wird, lachte sie und entgegnete dann ernster: „Ja, das müssen wir ja auch! Das MÜSSEN wir!“ Die Deutsche in mir dachte gleich: ‚Sicher, der Wettkampf unter den Schulen um die Schüler wird sicher auch hier dazu führen, dass die Schulen sich etwas einfallen lassen müssen, Konkurrenzkampf, hach, das ist schwer….‘

Nein, ganz anders: „Wir müssen feiern, weil Schule Spaß ist. Die Kinder verbringen soviel Zeit hier, sie müssen sich doch wohl fühlen und sich jeden Morgen freuen, herzukommen. Und die Familien gehören mit dazu, auch sie sollen Teil der Schulgemeinschaft sein und ein positive Einstellung gegenüber der Schule haben. Lernen ist Freude, und wenn Lernen keinen Spaß macht, werden die Kinder nicht wirklich viel lernen. Dann machen wir hier unseren Job falsch. Wir wollen hier mit den Kindern und mit sehr viel Spaß lernen!“

Nachschlag: Buserlebnisse

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Heute Morgen kommt Mr. Rick mit dem Schulbus vor die Haustür gefahren, zur Feier des letzten Schultages. Die Großen flitzen raus, und er ruft: „Holt mal eure Schwester!“. Die kreischt, rennt mit Nutella, Schlafanzug und ohne Schuhe zum Bus. Und was macht dieser unheimlich nette Mensch? Er schenkt ihr eine Kette mit einem Haifischzahnanhänger! Kind selig, Mutter gerührt, was für ein Start in den Tag!

 

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Ich finde es toll, was du tust!

Vor kurzem hat Ann Arbor die jährliche „Teacher Appreciation Week“ gefeiert. Das ist eine feste Instanz innerhalb des Schuljahres, um den Lehrern für ihre Arbeit zu danken. In dieser Woche wurde die Grundschule zum Superhelden-Hauptquartier. Es gab an jedem Tag etwas zu feiern: Frühstück für die LehrerInnen, gemeinsames Mittagessen für die ganze Schule, Popcorn für die Kinder. Diese waren aufgefordert, zuhause ihren LehrerInnen einen Brief zu schreiben, in dem sie erklären, warum der oder die LehrerIn für sie ein Superheld ist.

Superhero

Die Eltern waren natürlich auch mit bei der Sache. Alle LehrerInnen durften sich Dinge wünschen, die sie für ihre Klassen brauchen, und morgens kamen die Kinder dann dick bepackt mit Tüten voller Stifte, Kleenex, Kleber, Post-Its, lustigen Pflastern, undundund… Das macht Spaß, wenn man so unkompliziert und konkret dazu beitragen kann, dass das Material vorhanden ist, welches gebraucht wird. Und den Kindern wird von klein auf beigebracht, dass es sich gehört, andere für gute Arbeit eloquent zu loben. Das setzt sich dann in jedem Smalltalk fort. Und wisst Ihr was? Ich finde es einfach schön, so oft am Tag etwas Freundliches zu hören!

Schulbus und mehr in A2

Einen Tag, nachdem unserer Kinder in Ann Arbor mit der Schule begonnen haben, informieren mich die Schulsekretärinnen, mit welchem Bus die Kinder abgeholt und gebracht werden. Mit ernsthaften Entschuldigungen, dass die Busse erst übermorgen bei uns vorbeikommen können, weil die Routen geändert werden müssen. Wir befinden uns mitten im Schuljahr, nur so nebenbei. Da alle drei noch Englisch-Lernende sind, gehen sie nicht in die nächstgelegenen Schulen, sondern in diejenigen, die ein ELL-Programm (Englisch Language Learner) anbieten. Das bedeutet, es gibt dort täglich eine Stunde Englischunterricht in der Schule, in der Middle School sogar noch Nachhilfe für das Mathe-Vokabular, die Englischlehrerin koordiniert auch die Kommunikation mit den Fachlehrern, damit keineR immer nur schlau nickt und dabei unter die Räder kommt, weil er/sie doch nicht alles versteht.

Aber obwohl wir eben nicht die nächstgelegene Schule ansteuern, kommen für unsere Kinder zwei riesige gelbe Schulbusse, um sie zur Middle und zur Elementary School zu bringen. Unsere Schulleiterin stellt uns beim letzten Abholen vor, denn FahrerInnen und Kinder nennen sich beim Namen. Ist ein Kind krank, sagt man dem Busunternehmen Bescheid, damit sich die FahrerInnen keine Sorgen machen. Kommt Kind nach dem Kranksein wieder, wird es herzlich begrüßt, willkommen geheißen, nachgefragt, ob alles wieder gut ist. Unsere Kleine hole und bringe ich zum Bus, obwohl er an der nächsten Straßenecke hält, also am oberen Ende unserer ruhigen Sackgasse, in Sichtweite. Trotzdem hat mich schon die Busfahrerin Miss Brown angerufen, als ich einmal die Zeit verpasst hatte und eine Minute zu spät kam: „Wo bist Du? Alles ok? Wir sind schon hier, lass Dir Zeit!“. Seit einem irrwitzigen Regenschauer, bei dem sie die Kinder möglichst nah ans Haus bringen wollte, hat Julie, die Fahrerin von den großen, herausgefunden, dass sie in unserem Wendehammer auch prima drehen kann. Seither werden die Damen bis vor unsere Einfahrt kutschiert. Meistens steht der Bus noch einen Moment da, weil die drei noch das Thema zu Ende bringen müssen, über das sie gerade reden.

Der Schulbusfahrer der Großen, Mr. Rick, hilft zwischen dem Holen und Bringen in unserer Elementary aus. Und wird von den Kindern angebetet. Er hat immer ein gutes Wort, ein Pflaster oder mal ein Bonbon bereit, wenn es gebraucht wird. Unsere Kleine bringt oft morgens die Großen zum Bus, um Mr. Rick schon mal einen guten Morgen zu wünschen, dann muss sie immer schnell einsteigen, damit er sie drücken kann. Heute Morgen hat es dann angefangen zu regnen. Was macht Mr. Rick? Er fährt sie mit dem Schulbus zurück, damit sie nicht nass wird.

Die Lehrerin der ersten Klasse bringt ihre Kinder zu den Schulbussen, die nachmittags immer in der gleichen Reihenfolge vor der Schule stehen. Das sind rund 30 Meter. Ein großes Verabschieden, Drücken, Winken. Jedes Kind wird zusätzlich morgens von der Schulleiterin in Empfang genommen und fröhlich begrüßt. Nachmittags betreut die Schulleiterin das Einsteigen und winkt jedem Bus so liebevoll nach, als würden die Kinder zu einer einwöchigen Klassenfahrt aufbrechen. An einem Tag musste Julie an einer anderen Stelle parken und kam dann zu Fuß zum normalen Haltepunkt, um ihre Kinder einzusammeln.

Schulleiter scheinen hier vom Unterricht freigestellt zu sein, denn sowohl die beiden (!) Schulleiter in der Middle School (eine Frau, ein Mann) als auch die Schulleiterin der Elementary sind omnipräsent. Sie tauchen überall auf, helfen beim Öffnen der Spinde, begrüßen die SchülerInnen, sprechen mit Besuchern, nachmittags sind sie Schülerlotsen, scheinen in jeder Pause Aufsicht zu führen und: reden ständig mit den Kindern. Sie sind so unglaublich nah dran.

An uns Eltern auch: Mindestens (mindestens!) einmal pro Woche kommt per Email ein Schulnewsletter. In der Grundschule noch zusätzlich eine enthusiastische Email von der Klassenlehrerin, die beschreibt, was gerade ansteht, welche Feste gefeiert werden, wie die Ausflüge waren, welche Themen in den unterschiedlichen Fächern bearbeitet werden… Immer positiv und geprägt von einem Optimismus, dem man sich unmöglich entziehen kann. (warum sollte man auch?) In der Middle School von den meisten Fachlehrern, um uns über Unterrichtsinhalte, Ausflüge, Tests… was auch immer zu informieren. Der Tonfall: Immer freundlich und lösungsorientiert.

Überhaupt Offenheit und Kommunikation. Als erklärter Lass-uns-drüber-reden-Fan kann ich hier noch eine Menge lernen. Eine Lehrerin ist krank, voraussichtlich zwei Wochen, vielleicht sogar länger. Es kommt eine Mail, in der umrissen wird, was los ist, und einfach ganz offen informiert wird. So muss keiner spekulieren und mutmaßen, was mit der Lehrerin wohl sein könnte. Sie selbst schreibt auch, hat übermorgen noch einen Arzttermin und freut sich schon darauf, dann wieder kommen zu können.

Auch wirklich schlimme Dinge werden absolut offen kommuniziert: Ein Neuntklässler, der im letzten Jahr von unserer Middle auf die High School gewechselt ist, hat Selbstmord begangen. Ohne Verzögerung bekommen wir Eltern vom Schulleiter eine Email, in der die traurigen Nachrichten geteilt werden und berichtet wird, wie die Schule damit umgeht. Den Kindern wird es von den LehrerInnen gesagt, um die Gerüchteküche im Griff zu haben. Die LehrerInnen reden mit den Kindern und versuchen, das Thema zu besprechen. Gleichzeitig hat die Schule Tipps zusammengestellt: Wie bemerke ich, dass ein Teenager Probleme hat, wie gehe ich damit um, wie kann ich Depressionen bekämpfen, wie rede ich mit meinen Kindern über den (Frei-)Tod eines anderen Kindes usw. Darüber hinaus organisiert der Schulleiter umgehend einen Infoabend über Depressionen bei Jugendlichen und bittet um Fotos und Erinnerungen an den Jungen, um damit eine Collage für die Familie herzustellen.

Und als kürzlich Amok-Alarm in einer der High Schools in Ann Arbor ausgelöst wurde, weil eine unbekannte, vermummte Person auf dem Schulgelände gesehen wurde, kam auch dazu sofort eine Email rein: „There is a lockdown situation at Huron High…. Die Kinder sind mit ihren Lehrern sicher in ihren Klassenräumen, die Polizei (und das bedeutete in dem Fall: wirklich alle Polizeikräfte aus allen umliegenden Revieren, Nachbarstädten) ist vor Ort und klärt die Lage. Wir melden uns sofort, wenn es etwas Neues gibt.“ Nach einer Weile kam die erlösende Mail: „All clear at Huron, Kinder werden jetzt nach Hause geschickt“. Ich möchte nicht wissen, welchen Ärger der Knabe aus Ypsilanti bekommen hat, der sich diesen hirnverbrannten und ziemlich teuren Senior-Scherz geleistet hat.

Baustelle auf der Hauptstraße vor der Grundschule? Eine Email von der Schulleiterin: „Hier ist Verkehrschaos, alle Busse kommen heute später nach Hause, es ist aber nichts passiert.“

Als an einem Schneetag der Bus der Kleinen an einem Berg festhing, kam der Anruf: „Das wird noch eine halbe Stunde dauern, möchtest du sie abholen? Wir können auch gerne hier auf sie aufpassen, bis der Bus kommt!“

Es gibt Menschen, die den Amerikanern einen Hang zu Panikmache, Kontrollzwang und Übervorsichtigkeit vorwerfen. Ich bin einfach dankbar für diese klare und schnelle Kommunikation.

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In unserer Elementary School